Auf allen Meeren zu Haus

Auf allen Meeren zu Haus

Man hört nichts von uns, man sieht nichts von uns, aber wir sind auf allen Meeren zu Hause, sagt Gerald Rynkowski, Geschäftsführer der Veinland GmbH in Neuseddin. Was von dort aus in die Welt geht, sind Hard- und Softwarelösungen für Container-, Marine-, Forschungs- oder Kreuzfahrtschiffe. Sie dienen zum Beispiel der Erfassung von Messwerten auf einem Schiff und ihrer Darstellung an Bord und an Land. Dazu gehört zum Beispiel die detaillierte Auswertung der nautischen und Maschinendaten (oder Leistungsdaten der Maschine). Andere Komponenten ermöglichen die Verteilung von Videodaten zur Unterstützung der Schiffsführung bei der Navigation und dem Anlegen oder schützen die schiffseigenen Netzwerke vor Angriffen durch Cyberpiraten, die es auf die feindliche Übernahme der Steuerung abgesehen haben könnten.

Optimierung des Dieselverbrauchs

Bei Seegang hilft Veinland-Elektronik, die Schiffsbewegungen zu erfassen, um so das Schiff zu stabilisieren. Auf einem Monitor werden die seitlichen Rollbewegungen und das Stampfen von Bug und Heck angezeigt. Bei starkem Seegang wirken auf die Containerstapel und den Inhalt enorme Beschleunigungskräfte. Durch Trimmung des Schiffs und die richtige Füllung von Ballastwassertanks ist eine Stabilisierung möglich. Die Echtzeitanzeige des aktuellen Dieselverbrauches ermöglicht eine optimale Schiffsgeschwindigkeit bei geringerem Verbrauch und damit große CO2- und Kosteneinsparungen. „Schon ein halber Knoten weniger senkt die Kosten um viele Dollar. Das zählt für den Reeder“, erläutert Gerald Rynkowski. Für ihre Innovationskraft und den Erfolg als Hidden Champion ist die Veinland GmbH vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Zukunftspreis der Wirtschaftskammern und dem Großen Preis des Mittelstandes.

Gerald Rynkowski

IT-Anwendungen für extreme Arbeitsbedingungen

Gerald Rynkowski ist nach der Lehre zum Elektromaschinenbauer selbst zur See gefahren, bevor er dann in Rostock Schiffselektrotechnik/ Energietechniker studierte. Nach seinem Abschluss als Ingenieur 1992 arbeitete er für mehrere Jahre bei einem international tätigen Schiffsausrüster in Hamburg. Er war als Inbetriebsetzungs- und Garantieingenieur auf vielen Werften und Schiffen der Welt, so auch lange in Korea, Finnland, England und Indonesien, um dort die deutsche Technik mit einzubauen. Schmunzelnd erinnert sich Gerald Rynkowski: „Das war noch eine Zeit ohne Handy und E-Mail. Aber sehr lehrreich. Der Ingenieur im Außendienst wird bei Inbetriebnahme mit allen Fehlern aus Planung, Produktion und Qualitätskontrolle konfrontiert. Wir legen darum heute bei uns allergrößten Wert darauf, diese durch gute Planung und engen Kundenkontakt auszuschließen.“ Es werden hochwertige Industrieprozessoren eingesetzt. Alle Komponenten sind für den Langzeit-Einsatz entwickelt und solide konstruiert. Bevor sie in Serie gehen, werden sie in externen Labors Erschütterungen und Klimaschwankungen ausgesetzt. Denn die Beanspruchung an Bord eines Schiffs ist enorm. Die Hardware wird an Stellen verbaut, wo im Inneren der Elektronik schon mal Temperaturen von 80 Grad auftreten können und eine zusätzliche Kühlung nicht möglich ist. Extreme Temperaturschwankungen und hohe Luftfeuchtigkeit stellen zusätzliche Anforderungen an die Robustheit der Technik.

Internationale „Lehrjahre“

Im Jahr 2000 beendete Gerald Rynkowski seine internationalen „Lehrjahre“ und zog aus Hamburg in seine Heimatstadt Potsdam. Dort arbeitete er als Betriebsleiter bei einem Hersteller für Schiffsdatenschreiber, der nach dem Verkauf an einen Konzern dann wieder nach Hamburg verlegt wurde. Gerald Rynkowski wollte aus familiären Gründen nicht mehr mit. 2006 gründete er die Veinland GmbH in Seddin und konnte eine Handvoll erfahrene Mitarbeiter aus dem früheren Betrieb bei sich einstellen. Trotz 15 Jahren Berufserfahrung als Ingenieur und guter Branchenkontakte war das Start-up eine Herausforderung. „Alles, was auf einem Schiff eingebaut werden soll, muss nach Din ISO 60945 zertifiziert sein. Es ist eine lange Durststrecke, bis es soweit ist. Hier halfen die wichtigen Förderprogramme der ILB und EURO Norm. Ohne diese hätten wir viele Produkte nicht entwickeln können. Auch die aktive Unterstützung der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft (MBG) führte zu einer raschen Produktentwicklung“, berichtet Rynkowski.

Ein Marineschiff in Brandenburg

Damit die Systeme einwandfrei funktionieren, wird in der Produktion größter Wert auf Qualität gelegt. Elektroniker Stefan Wendl prüft eine Anwendung.

So kam ein internationaler Zulieferer für Schiffselektronik zu seinem Sitz mitten in Brandenburg. Für einen maritimen ersten Eindruck im Eingangsbereich sorgen eine historische Weltkarte und ein hölzernes Modell des ältesten englischen Marineschiffs, das heute erhalten ist: Die HMS Victory von 1765 mit über 100 Kanonen. Außerdem steht dort ein Maschinentelegraf, wie man ihn aus historischen Filmen kennt. Der Schiffsführer legt den Hebel um und gibt damit über Glöckchen dem Maschinisten Signal, welche Geschwindigkeit er zu fahren hat. Bei Veinland steht der Hebel immer auf volle Fahrt voraus. Denn das ist die Devise von Gerald Rynkowski. Er ist schon nach Singapur zum Kundengespräch geflogen und am selben Tag wieder zurück. Er kommt von einer Messe und ist am nächsten Tag wieder im Geschäft. Er ist für gewöhnlich morgens zeitig da und abends oft der letzte in der Firma. „Das geht nur, wenn man es will und die Familie es versteht und unterstützt“, sagt er.

Donnerstags ist Schiffersonntag

Es sind nicht nur Äußerlichkeiten, die für die Nähe zum Meer stehen. Gerald Rynkowski: „Wir versuchen, unseren Betrieb möglichst energiesparend zu führen. So wie auf dem Schiff der Verbrauch minimal gehalten werden muss, was übrigens auch für den Datenverkehr gilt.“ Das Werk ist mit LED-Arbeitsplatzbeleuchtungen, Solarpanels und einer Luftwärmeheizung ausgestattet. Auch seemännisches Brauchtum wird gepflegt. Jeden Donnerstag um 15.30 ist Schiffersonntag. Die Mitarbeiter versammeln sich bei Kaffee und Kuchen in der Kantine und jeder kann ansprechen, was ihn bewegt. „Wer zur See gefahren ist, kennt den Brauch. Einen richtigen Sonntag gibt es ja an Bord nicht“, berichtet Rynkowski.

Produkte für die Anforderungen der Zukunft

Gerald Rynkowski, Geschäftsführer der Veinland GmbH in Neuseddin

Auch wenn 55-Jährige heute die Montage vor Ort seinen Mitarbeitern überlässt, ist er noch viel unterwegs. Messen, Kundenbesuche und die Mitarbeit in internationalen Schifffahrtsgremien führen ihn rund um den Globus. Unterstützt wird er durch Vertriebsleiter Christoph Niendorf, der in der Schifffahrtsbranche ein gefragter Referent für Cybersecurity ist. „Die Mitarbeit in den Gremien ist die Chance, künftige Anforderungen vorauszusehen, zum Beispiel beim Umweltschutz oder Cyberkriminalität. Dann können wir frühzeitig unsere Produkte dafür entwickeln“, erläutert er. Und dabei sei Mittelständler Veinland mit einem Vorlauf von einem Jahr bis zur Serienreife deutlich schneller als ein Konzern.

Weltweit hart umkämpfter Markt

Veinland beschäftigt heute 40 Mitarbeiter, davon rund die Hälfte Ingenieure. Rynkowski: „Wir sind international tätig. Unsere Komponenten werden in fast allen Ländern der Welt verbaut. Aber wir haben die Bodenhaftung nicht verloren. Schiffsausrüstungen sind ein sehr hart umkämpfter Markt. Die meisten Schiffe werden in Asien gebaut. Die Werften dort versuchen, einheimische Technik einzubauen. Erst wenn das nicht geht, schauen sie auf den internationalen Markt. Das ist in Deutschland leider anders. Auf dem Weltmarkt kann man sich nur durch ständige Innovationen und hohe Qualität behaupten und ohne gute Fachkräfte geht es nicht.“

Nachwuchsauswahl mit IHK-Bewerbercheck

Bei der Fachkräftegewinnung setzt Veinland auf langfristige Strategien. Obwohl die Produkte für die Weltmeere bestimmt sind, engagiert sich das Unternehmen lokal als Förderer der Feuerwehr, der Verkehrswacht, des Spielmannszuges und des Fußballvereins. Regelmäßig kommen Schüler zu Praktika. Ausbildungsleiter Thorsten Wagner lässt die Jugendlichen aus Draht Fahrräder, Autos und Schiffe zusammenlöten. „Wir sehen dabei, ob sie messen und rechnen können und handwerkliche Grundfähigkeiten besitzen“, sagt er. Im Unternehmen werden Elektroniker für Geräte und Systeme ausgebildet, bei der Auswahl der Bewerber nutzt das Unternehmen auch die Bewertung aus dem IHK-Bewerbercheck. Ein standardisiertes Verfahren, um Grundfähigkeiten zu testen. Gerald Rynkowski: „Bei uns kommt es sehr auf soziale Kompetenzen und Motivation an. Man findet sehr schnell heraus, wer in das Unternehmen passt.“

Stifter beim Deutschlandstipendium

Die Softwareentwickler Maik Rothe (l.) und Ronny Wüstenhagen präsentieren eine innovative Software zur Stabilisierung der Schiffslage.

Um Hochschulabsolventen für Veinland zu interessieren, vergibt das Unternehmen seit Jahren zwei bis vier Deutschland-Stipendien an die Uni Potsdam und die Technische Hochschule Brandenburg. Dadurch können die Geförderten ohne Nebenjob studieren und kommen schneller ans Ziel. Veinland betreut ihre Ingenieurs- und Masterarbeiten. Dabei lernen die Studenten das Unternehmen kennen und verwirklichen Projekte. Eigene Forschung ermöglicht es Veinland, Ideen zur Marktreife zu bringen. Bereits mehrfach konnten dafür Fördermittel aus dem Bundesforschungsministerium eingesetzt werden. Gerald Rynkowski: „Ich bin kein Freund von Förderung nach dem Gießkannenprinzip. Aber die Forschungs- und Innovationsförderung ist nötig, um Deutschland auf Spitzenniveau zu halten. Es ist Voraussetzung für den Innovationsstandort Deutschland.“

Freiraum für kreative Mitarbeiter

Im Unternehmen muss der Ingenieur Gelegenheit haben, seine Innovationsfähigkeit zu entfalten, meint Rynkowski: „Das geschieht, indem ich jeden Mitarbeiter als ein Single-Start-up betrachte. Jeder bekommt in den Haltelinien des Unternehmens viel Freiraum für eigene Innovationen.“ Und die jungen Mitarbeiter haben Gelegenheit, auf den Werften der Welt ihre Erfahrungen zu sammeln. So wie es der Unternehmensinhaber viele Jahre lang getan hatte. Er sagt: „Mit dieser Kompetenz und Berufserfahrung ist eine Gründung in der Industrie möglich. Eine Gründung direkt nach dem Studium geht vielleicht für App-Entwickler, aber ich würde jedem raten, nach der Hochschule zuerst Erfahrungen in der Industrie zu sammeln.“

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