Streng geheime Schnapsidee

Streng geheime Schnapsidee

Heiko Tänzer und Danilo Trasper hatten schon mehrfach miteinander Eierlikör getrunken, bevor eine Geschäftsidee daraus wurde. Die beiden waren seit Langem gute Freunde und zu seinem Junggesellenabschied bot Tänzer erneut den selbst angesetzten Eierlikör an. Er ist nach einem alten Familienrezept hergestellt, das der Gründer bis heute streng geheim hält. Es war eine Schnapsidee – und eben doch nicht.

Das Familienrezept wird marktfähig gemacht

Das war im Herbst 2008. Anfang 2009 arbeiteten die Freunde daran, ihren Eierlikör marktfähig zu machen. „Ein Likör, der verkauft werden soll, braucht eine feste Rezeptur, damit er immer in gleicher Qualität angeboten werden kann – und zwar in der besten“, sagt Danilo Trasper. Hier konnte er sein Knowhow aus der Lebensmittelbranche einbringen. Er war selbstständiger Bäckermeister in Senftenberg und richtete die erste Likörmanufaktur in seiner Backstube ein. Tänzer und Trasper geben je 500 Euro in eine gemeinsame GBR. Davon werden die Zutaten gekauft, Etiketten gedruckt sowie 70 Glasflaschen für die erste Abfüllung.

Heiko Tänzer und Danilo Trasper hatten schon mehrfach miteinander Eierlikör getrunken, bevor eine Geschäftsidee daraus wurde.

1000 Flaschen im ersten Monat

Es dauerte nur eineinhalb Tage, die 70 Flaschen in der Bäckerei und in der Filiale zu verkaufen. Dann mussten die Gründer nachproduzieren. Im März 2009 brachten sie es bereits auf 1000 Flaschen. Der Likör wurde in einer Bäckereimaschine gerührt und manuell in die Flaschen gefüllt. „Wir schafften 1500 Flaschen an einem Tag. So blieb das bis 2013, als die Abfüllanlage endlich in Betrieb genommen werden konnte. Ein Jahr hatte es von der Bestellung bis zur Auslieferung gedauert. Jetzt konnten 1500 Flaschen pro Stunde gefüllt werden. Bereits im September 2012 hatte Trasper seine Bäckerei geschlossen und verlegte sich ganz auf die Likörherstellung. „Bäckermeister ist ein sehr schöner Beruf, aber es wird immer schwerer, Mitarbeiter zu finden, die nachts um halb zwei arbeiten wollen. Das ist heute noch viel komplizierter als damals. Viele machen darum ganz zu“, erzählt er.

Schrittweiser Aufbau des Vertriebs

2014 stieg Tänzer in Vollzeit in das Unternehmen ein. Er hatte Versicherungskaufmann gelernt und arbeitete als selbstständiger Versicherungsvertreter. „Wir hatten beide unser Einkommen und konnten das neue Geschäftsfeld langsam aufbauen. Der Vertrieb entwickelte sich Stück für Stück. Klinkenputzen mussten wir niemals“, berichtet er. Zuerst nahm ein örtlicher Getränkehändler den Eierlikör in seinen Vertrieb auf. Dann kommen die ersten Rewe-Filialisten hinzu. Rewe wird auf die Umsätze aufmerksam. Der Likör aus Senftenberg wird bei Rewe gelistet, ebenso bei Edeka. Tänzer: „Diese Händler legen Wert auf regionale Produkte. Sie gewinnen damit Kunden, die auch etwas mehr ausgeben. Scharfes-GELB ist eine Spezialität und keine Massenware. Wir wollen es gar nicht beim Discounter vertreiben.“

Seit 2011 gibt es einen eigenen Internetshop. In der Saison werden 60 bis 70 Pakete am Tag versendet. Reisegruppen besuchen die Senftenberger Likörmanufaktur. Rund 30 Busunternehmen haben scharfesGELB auf ihrem Tourenplan. Auch eine große Agentur, die Reisepakete für Bustouristik-Veranstalter zusammenstellt, hat das Unternehmen im Programm. „Die Reisenden sind viel unterwegs. Die Veranstalter sind ständig auf der Suche nach neuen Angeboten. Bier und Wein können alle, da kommen wir mit unserem Likör gerade recht“, erzählt Heiko Tänzer.

Die Erfindung der Marke

Vom ersten Moment an heißt der Likör aus Senftenberg scharfesGELB. Tänzer: „Es war unser Plan, eine Marke zu schaffen, die sich die Leute merken. Nicht den Eierlikör in den Vordergrund stellen, denn dieser steckte als Alte-Leute-Schnaps gerade in einer Imagekrise. ScharfesGELB hat einen sehr großen Anteil daran, dass Eierlikör wieder salonfähig ist“, meint der Geschäftsführer.

Er erinnert sich noch an eine lange Sitzung mit der Werbeagentur. Ein neues Etikett sollte her. Die Gründer lehnten alle Entwürfe ab. Sie wollten keine glücklichen Hühner oder Eier. ScharfesGELB war für sie Leichtigkeit und Südseeflair. Sie entwickelten selbst die Idee. Das Firmenlogo zeigt eine Schönheit mit Blumen. Das Etikett ist aus durchsichtiger Plastikfolie, das Gelb des Likörs Teil des Bildes.

Als Senftenberger Spezialität ist scharfesGELB auch im Weihnachtsgeschäft ein beliebtes Geschenk.

Seit 2018 greift die durch Umbau einer alten Buswerkstatt entstandene Schaumanufaktur das neue Eierlikör-Image auf. Sie ist großzügig und stylish eingerichtet. Die Geschichte des Hauses bleibt aber zu erkennen. Diverse Mopeds und ein gelber Trabant dienen der Dekoration. Vom Café aus blickt man durch eine Glasdecke in die Montagegrube. Auf den verschiedensten Gegenständen findet sich die Hausfarbe wieder. Es gibt scharfesGELB-Shirts und Kapuzenpullis, Kaffeetassen und Likörgläser. Im Shop verkosten die Mitarbeiterinnen 18 Sorten Likör.

Es gibt Kaffee und Kuchen und ein großes Fenster ermöglicht den Blick auf die Abfüllanlage. In Senftenberg entsteht eine Erlebniswelt für den Eierlikör, so begann es auch auf dem Spargelhof Klaistow oder Karls Erlebnishof in Rövershagen.

Werbung mit Promis

Einmal kostenlos ins Fernsehen – das war zu Beginn Marketingziel der Gründer. Wie macht man das? Trasper und Tänzer verschickten Päckchen mit Eierlikör an Prominente. Und es funktionierte tatsächlich. Jürgen Drews reagierte. Der „König von Mallorca“ wollte auf der Insel ein Café eröffnen und ermöglichte zur Eröffnung den Senftenbergern eine Produkt-Promotion. Das war im Jahr 2011. Ein Jahr später nahmen die Gründer Antonia aus Tirol unter Vertrag. Sie nahm als Promi an einer Kochshow auf Vox teil, war für das Dessert zuständig und platzierte die Eierlikörflasche im guten Winkel zu Kamera. Trasper: „Unserer Bekanntheit hat das geholfen. Für den Erfolg zählt nicht nur die eigene Arbeit. Man braucht die richtigen Kontakte und auch eine Portion Glück.“

Ausbau des Produktionsstandorts

„Sieben Mitarbeiter werden in der Schaumanufaktur beschäftigt. Dazu kommen wir als Geschäftsführer, die jede Aufgabe übernehmen, wenn es nötig ist. Die Gäste finden es gut, wenn ihnen der Chef den Kaffee bringt“, erzählt Heiko Tänzer. In dem neu eingerichteten Café können Gruppen bis zu 60 Personen bewirtet werden. Vier „scharfePakete“ stehen für die Besucher zur Auswahl. Zwei Stunden nimmt das größte Pakete mit Führung, Verkostung, Kaffeetrinken und Abfüllung einer eigenen Flasche in Anspruch. Inzwischen planen die Senftenberger die weitere Entwicklung des Geschäfts.

Für die Investition in den Standort hatten die Inhaber eine ILB-Förderung in Anspruch genommen. Die IHK Cottbus unterstützte den Antrag. Marcel Petermann, Regional Center-Leiter in Senftenberg: „Die Gründer haben gezeigt, wie aus einer innovativen Idee eine regionale Senftenberger Marke gemacht werden kann. Es kommen dadurch zusätzlich Gäste, was zur Belebung der Stadt beiträgt.“

2020 wird eine Cocktailbar eingerichtet. Die Drinks sind natürlich mit Eierlikör. Und was dort gerührt und geschüttelt wird, kann jeder auch zu Hause nachmachen. Die Cocktailrezepte lassen sich über eine scharfes-GELB-App aufs Handy herunterladen.

Große Investition mit Ausstrahlung auf die Region. Rund 30 Bus-Reiseveranstalter haben die Gläserne Manufaktur bereits ins Reiseprogramm aufgenommen.

Im Gegensatz zu den Cocktailrezepten bleibt das alte Familienrezept für den Eierlikör aus Senftenberg geheim. Nur so viel verrät Heiko Tänzer: „Es sind Milchprodukte darin.“ Das sorgte in der Vergangenheit für einen bizarren Rechtsstreit, der sogar den Europäischen Gerichtshof in Brüssel beschäftigte.

Die Chronologie in Kurzfassung: Nach einer 2008 eingeführten EU-Verordnung darf Eierlikör mit Milch nicht Eierlikör heißen. Tänzer und Trasper kriegen das zu spät mit, ändern dann aber umgehend ihre Beschriftung von Eierlikör auf Likör. Soweit okay. Ein Mitbewerber aus Sachsen-Anhalt, der ebenfalls Milch verwendet, tut das nicht und die Senftenberger verklagen ihn im Jahr 2016 wegen Wettbewerbsverstoß. Der Rechtsstreit zieht sich bis zum Sommer 2019 hin, dann streicht die EU die Verordnung. Das Landgericht in Hamburg erklärt die Wettbewerbsklage nun auch für erledigt. Für die Senftenberger ist das Ergebnis inzwischen zweitrangig. Sie sagen: „Wir verkaufen unseren Eierlikör über die Marke. Die hat durch den Rechtsstreit noch an Bekanntheit gewonnen.“

Projekt „Genussvolles Senftenberg“

Noch steht nur „Likör aus Senftenberg“ unten auf dem Flaschenetikett. „Wichtiger als Likör oder Eierlikör ist uns die Verbindung zu unserer Stadt“, sagt Danilo Trasper. „Das ist vor Ort sehr gut aufgenommen worden.“ Senftenberger betrachten scharfesGELB als eine heimische Spezialität. Sie nehmen ihn als Gastgeschenk mit, wenn sie verreisen. Und das, obwohl es vor der Gründung keinen Eierlikör aus Senftenberg gab.

Die Identifikation der Gründer ihrer Region zeigt sich auch im Ladenangebot. Fruchtsäfte, Wein, Kekse, Kaffee und Kuchen in der Schaumanufaktur kommen aus dem Land Brandenburg, Waffelbällchen und Marmeladen – mit Eierlikör veredelt – werden in der Region für scharfesGELB produziert.

Im November war die Schaumanufaktur Gastgeber für eine Präsentation des Aktionsbündnisses „Genussvolles Senftenberg“ mit Konditorenmeisterin Geraldine Lösche, Kaffeeröster Martin Hengst und den Rewe-Händlern Kerstin und Jan Radke, die regional erzeugte Lebensmittel mitgebracht hatten. Es gab Kinderpunsch und warmen Apfelstrudel mit scharfesGELB-Soße sowie ein Unterhaltungsprogramm.

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